Eingabehilfen öffnen

Poesie des Überlebens

Wenn öffentliche Räume zu einem Zuhause werden

Für die meisten Menschen ist ein Hauseingang nur ein Durchgang. Eine Parkbank ein Ort zum Ausruhen. Eine öffentliche Toilette eine Notlösung. Doch für viele obdachlose Menschen übernehmen genau diese Orte eine andere Funktion: Sie werden zu Schlafzimmern, Badezimmern, Wohnzimmern und Rückzugsorten.

Poesie des Überlebens ist eine Foto- und Gedichtkampagne zum Tag der wohnungslosen Menschen am 11. September 2026. Die Kampagne macht sichtbar, was im Alltag oft übersehen wird: Wie öffentlicher Raum von Menschen genutzt werden muss, die keinen privaten Raum mehr haben.

In fünf fotografischen Interventionen werden alltägliche Orte der Stadt mit Gegenständen besetzt, die ihre tatsächliche Bedeutung für obdachlose Menschen offenlegen. Begleitet werden die Fotografien von Gedichten, die aus der Ich-Perspektive erzählt werden. Sie geben Einblicke in Lebensrealitäten, die oft von Vorurteilen überlagert werden. Die Kampagne stellt gängige Annahmen infrage: dass obdachlose Menschen nicht arbeiten wollen, ihren Tag mit Nichtstun verbringen oder sich nicht um sich selbst kümmern würden. Stattdessen zeigt sie den täglichen Kampf ums Überleben, aber auch von Hoffnung.

Mit Poesie des Überlebens werden Orte sichtbar gemacht, die wir jeden Tag sehen und gleichzeitig übersehen. Die Kampagne lädt dazu ein, die Stadt für einen Moment aus einer anderen Perspektive zu betrachten und zu erkennen, dass hinter jeder Matratze, jedem Zelt ein Mensch steht.

Die Kampagne Poesie des Überlebens entstand im Rahmen des Projekts „MOCT - Berliner Brücke zur Teilhabe“. Das Projekt wird im Rahmen des Programms „EHAP Plus - Eingliederung hilft gegen Ausgrenzung der am stärksten benachteiligten Personen“ durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) gefördert.

Konzept: Natalija Miletic
Fotografie: Olivia Fernandez


#1: Das ist mein Schlafzimmer

Sie sagen, ich mache die Stadt dreckig.
Dass meine Matratze das Bild stört.
Dass Decken und Zelte das Stadtbild verhunzen,
als wäre Überleben ein Schönheitsfehler.

Aber das hier,
dieser Schaumstoff auf Beton,
das ist mein Schlafzimmer.

Du hast eine Tür.
Ich hab 'ne Ecke.

Du hast ein Bett.
Ich hab ein Stück Stein und Hoffnung.

Du kuschelst dich ein.
Ich zieh mich zusammen und bete, dass ich aufwache.

Meine Träume passen in Plastiktüten,
mein Stolz verschwindet unter alten Decken,
und die Stadt spuckt mir noch ein letztes „Verzieh dich“
ins Gesicht.

Du nennst es Müll.
Ich nenne es Zuhause.

Würdest du auch nur eine einzige Nacht
in meinem Schlafzimmer überstehen,
ohne den Verstand zu verlieren?


#2: Ich habe einen Anzug

Ich habe einen Anzug.
Ich falte ihn jeden Abend und lege ihn in eine Plastiktüte,
damit er nicht nass wird.

Morgens ziehe ich das Sakko an
und streiche den Kragen glatt.

So, als hätte ich geschlafen.

So, als hätte ich geduscht.

So, als würde nicht nur ein paar Meter weiter
mein Zelt stehen.

Du hast einen Kleiderschrank.
Ich habe eine Plastiktüte.

Du hängst deinen Anzug auf.
Ich bete, dass es nachts nicht regnet.

Du kommst von der Arbeit nach Hause.
Ich komme zurück unter die Brücke.

Ich lebe auf der Straße. Jeden Tag geht’s ums Überleben.
Und dabei immer versuchen, nicht „so auszusehen, wie ich lebe.“

Der Anzug verdeckt vieles.
Die Kälte.
Die schlaflosen Nächte.
Den feuchten Schlafsack.

Aber er kann nicht verdecken,
dass ein Mensch ohne Wohnung
es schwerer hat einen Job zu finden.

Ich habe einen Anzug.


#3: Mein Badezimmer

Ich habe kein Badezimmer.
Kein warmes Wasser.
Keine Dusche.
Keinen Spiegel, vor dem ich mich in Ruhe schön machen kann.

Also wird ein öffentliches Waschbecken zu meiner Dusche.
Meine Zahnbürste, ein Stück Seife und ein Mini-Deo passen in meine Tasche.

Ich wasche mein Gesicht, meine Haare, meine Achseln.
Dann trockne ich mich mit Klopapier ab.

Nicht schön.
Nicht bequem.
Aber für ein paar Minuten fühle ich mich wieder wie eine Frau.

Und dann kommt meine Periode.

Keine Dusche.
Kein sauberer Ort zum Wechseln.
Manchmal nicht einmal eine Binde.

„Das ist keine Waschanlage!“
Für mich schon.

Denn wenn du auf der Straße lebst,
ist Hygiene kein Alltag.
Sie ist Glück.
Timing.
Und manchmal ein Kampf.

Für die meisten ist es nur eine öffentliche Toilette.
Für mich ist es mein Badezimmer.


#4: Ich habe einen Termin

Ich habe einen Termin.
Morgen um 8:30 Uhr beim Jobcenter.
Um 11 Uhr bei der Sozialberatung.
Danach zur Sozialwohnhilfe.
Und wenn alles klappt,
schaffe ich es noch rechtzeitig
zum Termin bei der Schuldnerberatung.

Ich trage Bescheide,
Anträge,
Nachweise,
Kopien
und Hoffnungen
in einem Rucksack durch die Stadt.

Für mich entscheidet jedes Blatt Papier,
ob ich irgendwann wieder einen Ort habe,
an dem diese Ordner
nur Ordner sind.

Man denkt oft,
ich hätte den ganzen Tag Zeit.
Als wäre Obdachlosigkeit
eine Art Freizeit.

Ich renne.
Von Amt zu Amt.
Von Nummer zu Nummer.
Von Hoffnung zu Hoffnung.
Immer pünktlich zum Termin.


#5 Ich bin hier

Das hier ist mein Wohnzimmer.
Eine Parkbank. Ein Kissen. Eine Decke.
Manchmal auch ein Buch, damit ich etwas habe, das mit mir spricht.

Jeden Tag gehen Hunderte Menschen vorbei.
Manche schauen durch mich hindurch.
Als wäre ich Luft.
Als wäre ich längst verschwunden.
Dabei sitze ich direkt vor ihnen.
Sichtbar.
Und doch unsichtbar.

Manche schauen doch.
Kurz.
Lange genug, um zu urteilen.
Nicht lange genug, um zu fragen.

Sie wissen nicht, wer ich war.
Sie wissen nicht, was passiert ist.
Sie wissen nicht, wie viel Kampf in diesem Schweigen steckt.

Sie wissen nicht, wie ich hierhergekommen bin.

Du siehst eine Parkbank.
Ich sehe mein Wohnzimmer.

Den Ort,
an dem ich versuche, nicht aufzugeben.

Und manchmal frage ich mich:
Was schmerzt mehr?
Die Einsamkeit.
Oder die Unsichtbarkeit.